Christoph Keese

Christoph Keese, Vorsitzener der Jury 2011 (Foto: RTL/Gregorowius).

Der Jury-Vorsitzende Christoph Keese im Interview mit DWDL.de-Chef Thomas Lückerath über das Programmjahr und die Juryentscheidungen.

Herr Keese, war 2011 ein gutes Jahr für das deutsche Fernsehen?
Ja, 2011 war ein gutes Jahr für das deutsche Fernsehen. Es gab außergewöhnliche Leistungen in allen Kategorien. Die Jury hat es sich, nach wie immer heftigen Debatten, nicht leicht gemacht mit der Auswahl zur Nominierung. Insgesamt war es ein Jahr, in dem wir gewisse gegensätzliche Entwicklungen beobachten konnten. Zunehmende Schematisierung und Formatierung auf der einen Seite und gleichzeitig zahlreiche inhaltliche und formale Experimente, die wir mit dem Begriff „Konzeptfernsehen“ gut beschrieben finden. Als Beispiel hierfür kann man “Dreileben“ nennen, ein Programmexperiment der ARD, bei dem drei Spielfilme – von Dominik Graf, Christian Petzold und Christoph Hochhäusler an einem Abend gesendet – miteinander verwoben waren. Das war mutig. Ähnliche Innovationsfreude haben wir im bei „20xBrandenburg“ (rbb) oder bei „Wild Germany“ (ZDFneo), nominiert in der Kategorie „Beste Reportage“, oder auch immer wieder bei den großen Samstagsdokumentationen bei Vox.
 
Bei den Nominierten im Bereich Unterhaltung sind allerdings eher die ganz großen Shows als neue Experimente nominiert…
Als Jury des Deutschen Fernsehpreises darf man nicht den Fehler begehen, beim Blick auf die interessanten Experimente  aus dem Auge zu verlieren, was groß und erfolgreich war und die Menschen erreicht hat. Beispielsweise der „Eurovision Song Contest“ oder „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Hinter diesen Formaten stehen großartige Produzentenleistungen, enorme Professionalität in allen Gewerken und mehr als das: Es ist gelungen, Tagesgespräch der Republik zu sein. 

 

Die Nominierung von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ trifft auf ein geteiltes Echo. Was macht das Dschungelcamp preiswürdig?
Produktion, Moderation, Autoren, Casting  – hier kommt Vieles zusammen. Man muss das Genre nicht mögen, aber man muss anerkennen, dass hier Außergewöhnliches geleistet wurde. Wer das nicht glaubt, kann einmal selbst den Versuch unternehmen, Protagonisten der 68er-Revolution für ein solches Format zu gewinnen und ihnen dann so viel Eigenartiges zu entlocken, dass der Blick auf die Person sich massiv und jener auf die Generation zumindest ein Stück weit ändert. Das Dschungelcamp wird von intelligenten Leuten gemacht und auch gesehen. In dieser Staffel war das besonders gut zu erkennen.
 
Gab es denn im deutschen Fernsehen keine neuen Entwicklungen, keine kleinen Formate, die preiswürdig sind?
Meinen Sie die Frage ernst? Unser Nominierungstableau ist voll von kleinen Formaten und Entdeckungen. Wir hatten schon gefürchtet, man würde der Jury vorwerfen, sich zu sehr im Kleinen verloren zu haben. In der Dokumentation und der Reportage haben wir präzise, zum Teil sehr junge Autorenarbeiten, in den Vordergrund gestellt. Beim Sport haben wir den Frankfurt-Marathon vom hr und „sport inside“ vom WDR nominiert. All das sind Preziosen für ein kleineres Publikum. Klein oder groß sind aber für die Jury letztlich keine Kriterien Es geht uns um Qualität innerhalb eines Genres, die Abbildung der Vielfalt und Bandbreite des Fernsehschaffens. Und in der Kategorie Unterhaltung sind es in diesem Jahr nun mal die großen Eventshows. Warum? Weil es die besten waren.
 
In welcher Kategorie fiel die Auswahl besonders schwer?
Bei der Information. Fukushima, Eurokrise und arabische Revolution haben das Jahr nachrichtlich bestimmt. Zugleich gab es exzellente Talkshows und Magazine, die wir gerne berücksichtigt hätten, das konnten wir aber aufgrund des überragenden Angebots an aktueller Berichterstattung nicht. So haben wir uns dafür entschieden, zwei Kollegen und eine Kollegin zu nominieren, die maßgeblich und auf hohem Niveau dazu beigetragen haben, die Öffentlichkeit über die drei Großereignisse des Jahres zu informieren. Ich habe vor allen dreien großen Respekt. Ihre Leistung ist auf unterschiedliche Weise beispielhaft. 
 
Zwei Kategorien, wo die Jury Trüffelschwein spielen muss – so gut wie diese Produktionen oftmals versteckt werden…
Manche Vorschläge der Sender überzeugen uns, vieles haben wir selbst entdeckt, unterstützt durch das fabelhafte Ständige Sekretariat des Fernsehpreises. Generell geht mehr als die Hälfte aller Nominierungen auf Vorschläge und Entdeckungen der Jury zurück. Wer eine glänzende Dokumentation um 23:30 Uhr im Programm versteckt, muss wissen, dass der Fernsehpreis sie trotzdem finden wird, wiewohl wir bedauern, dass gerade Dokumentationen immer tiefer in die Nacht hinein geschoben werden
 
Wobei das immer noch mehr ist, als von den Privaten kommt…
Richtig. Natürlich wünschen wir uns auch von den Privaten mehr Dokumentationen und Reportagen, denn auch sie erreichen das Publikum, wenn es um wirklich Relevantes geht. Formate wie die „KIK“-Reportage im vergangenen Jahr oder die „Maschmeyer“-Reportage in diesem Jahr beschäftigen die Öffentlichkeit. Aber auch so hatte das deutsche Fernsehen viel zu bieten, u.a. inhaltlich und formal gewagte Projekte. Als Beispiel wäre „Hunger“ zu nennen, eine Dokumentation, die dramaturgisch und in Bezug auf Bildgestaltung und Kamera eine ganz eigene Form gefunden hat.
 
Von der Dokumentation zum Fiktionalen: Gibt es dort in diesem Jahr einen Trend zu beobachten?
Bei den Mehrteilern bleibt die Zeitgeschichte die thematische Inspirationsquelle, aber das Anbebot war kleiner als in den Vorjahren. Dafür ist die Zahl der Fernsehfilme mit sozial und gesellschaftlich relevanten Sujets, die sich einmal mehr durch herausragende Regie- und Autorenleistungen und exzeptionelle schauspielerische Leistungen auszeichnen, noch einmal gestiegen. Keine einfache Aufgabe, sich hier auf eine Nominierungsaufstellung zu einigen, ebenso wie bei der Wahl der Besten Schauspielerin und des Besten Schauspielers. Deshalb schicken wir hier auch jeweils fünf Nominierte ins Rennen. Aber selbst dann kam die Jury nur in mehreren Kampfabstimmungen zum Ergebnis.
 
Egal ob im Fiktionalen, bei der Information oder Unterhaltung: Die Jury muss ein Qualitätsverständnis definieren, das sowohl privates wie öffentlich-rechtliches Fernsehen berücksichtigt. Die Königsklasse aller Fragen: Was ist Qualität im deutschen Fernsehen? Lässt sich das so einfach beantworten?
Für unsere Arbeit lässt sich das relativ gut beantworten, weil die Jury in jedem Jahr mit der Grundsatzdebatte darüber beginnt, was Qualität eigentlich bedeutet und wie sie diese für sich definieren will. Unsere erste Grundregel: Bewerte das Genre innerhalb des Genres. Der Maßstab ist nicht, ob man ein Genre mag oder nicht. Es gilt, die Formate nach den Kriterien des jeweiligen Genres zu beurteilen. Regel 2: Es muss das Besondere und das Innovative geleistet werden. Nur bereits Bekanntes zu variieren, reicht nicht. Das gilt insbesondere auch bei den Longrunnern. Es geht darum, Neues und Weiterentwicklungen aufzuzeigen. Im Fiktionalen müssen Inszenierung, Buch und Leistung insgesamt überzeugen und über das hinaus gehen, was man bisher gesehen hat. Da hat beispielsweise „Hindenburg“ ein oft schon beschriebenes Thema erstmals so bildgewaltig inszeniert. Und Regel 3: Die Stimmigkeit aller Gewerke, das Verhältnis von Forum und Inhalt. Es reicht nicht, wenn die Regie stimmt, aber das Buch überzeugt. Oder die Schauspieler stark sind, aber die Kamera schwach, ein Moderator überzeugt, aber das Format nicht stimmt. Aber die Qualität des Fernsehangebotes ist in allen Kategorien so gut, dass die Jury es sich leisten kann, auf die gleichzeitige Erfüllung aller drei Kriterien zu bestehen.
 
Sie sagten bereits, dass es darauf ankomme, dass langlaufende Formate gerade im vergangenen Jahr noch einmal besonders überzeugten. Was hat Sie denn bei „Goodbye Deutschland“ überzeugt?
Für die Kategorie „Dokutainment“ hat die Jury hatte in diesem Jahr fast ein halbes dutzend Auswanderer-Formate gesichtet. Ein interessantes Formatfeld zwischen Reportage und Unterhaltung, an dem wir nicht vorbei kamen. Und „Goodbye Deutschland“ ist eines der best gemachten Formate dieser Art. Es zeigt ein hohes Maß an Interesse für seine Protagonisten, die dieses Format über seine Konkurrenten hinauswachsen lässt. Bei „Stellungswechsel“ – einem Jobtausch-Format – erleben wir höchst unterhaltsam, was von beruflichen Identitäten übrig bleibt, wenn man plötzlich in eine ganz andere Kultur versetzt wird. Und wenn Markus Lanz sich dem Wettlauf zum Südpol stellt, dann entsteht in der Verbindung von Reportage, sportlichem Wettbewerb und persönlicher Herausforderung eine ganz eigene Form von Dokutainment öffentlich-rechtlicher Prägung.
 
Letzte Frage: Hoffen und erwarten Sie in diesem Jahr einen ruhigeren Fernsehpreis als im vergangenen Jahr?
Etwas Unruhe ist gut für jeden Preis. Preise, über die nicht diskutiert wird, sind tot. Von der im vergangenen Jahr gegründeten Deutschen Akademie für Fernsehen gehen wichtige Anregungen für unsere Arbeit aus. Akademie-Mitglied Hans-Werner Meyer hat in diesem Jahr in der Jury mitgewirkt und ausgezeichnete Arbeit geleistet, an vielen Stellen gerade dadurch, dass er angeregt hat, neu zu denken. Das ist gut. Wenn Sie sich das Fernsehjahr vor Augen führen, werden Sie feststellen, dass unsere Auswahl auch über den Tag hinaus Bestand hat. Sie ist fair, kenntnisreich und unabhängig. Aber wir können sicher noch besser werden. Fehlt Ihnen etwas?
 
Es gäbe dann noch „Pelzig hält sich“ beispielsweise. Oder das gerade emmy-nominierte „Die Säulen der Erde“, aber da wird es wohl an der Tatsache scheitern, dass es eine internationale Co-Produktion war…
„Pelzig“ ist eine ausgezeichnete Leistung mit vielen Freunden in der Jury. Dieses Jahr fand eine Mehrheit andere Arbeiten aber noch besser. Versteckt hinter der Rollenfigur gelingt es Frank-Markus Barwasser, seinen Gesprächspartner zu entlocken, was sie gar nicht preisgeben wollten. „Pelzig“ gehört genau zu jener Art Fernsehen, die wir hervorheben und auszeichnen wollen, auch wenn es dieses Mal nicht ganz reichte. Darüber hinaus hätten wir den CNN-Korrespondenten Frederik Pleitgen gerne nominiert, wie auch „Die Säulen der Erde“. Beides konnte laut Statuten nicht nominiert werden, weil es sich um internationales Fernsehen handelt bzw. der deutsche Anteil an der Produktion nicht majoritär ist. So sind die Regeln, aber wir haben uns erlaubt, Frederik Pleitgen und die Arbeit deutschen Produzentin Rola Bauer für ihre beispielhaften Leistungen mit einer „Lobenden Erwähnung“ zu bedenken. Hochverdient.
 
Herr Keese, herzlichen Dank für das Gespräch.