Reich-Ranicki, Marcel (Foto: WDR/Herby Sachs)

Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Włocławek an der Weichsel als drittes Kind des Fabrikbesitzers David Reich und dessen Ehefrau Helene Reich geboren. Anders als seine Geschwister Alexander Herbert (1911 – 1943) und Gerda (1907 – 2006) besuchte er die deutsche Schule von Włocławek. Seine Jugend verbrachte er in Berlin, wo er auch am Fichte-Gymnasium sein Abitur machte.

Im Herbst 1938 wurde er verhaftet und nach Polen ausgewiesen. Seine große Liebe und spätere Ehefrau Teofila Langnas (geboren am 12. März 1920) lernte er in Warschau kennen. Nach der Zwangsumsiedlung ins Warschauer Ghetto im Jahr 1940 heirateten sie. Zu dieser Zeit arbeitete Reich-Ranicki als Übersetzer, weswegen er und seine Frau von der Deportation ins Vernichtungslager Treblinka verschont wurden. Zudem schrieb er unter dem Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen für die Ghettozeitung „Gazeta Żydowska“.

Am 3. Februar 1943 konnten Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila Reich-Ranicki aus dem Warschauer Ghetto flüchten und fanden bis Ende September 1944 bei der Familie Gawin Unterschlupf. 1948 wurde er unter dem Namen „Marceli Ranicki“ zum Vize-Konsul an der polnischen Botschaft in London, wo er zuständig war für die Rückführung polnischer Emigranten. In London wurde am 30. Dezember 1948 sein Sohn Andrew Ranicki geboren. Ende 1949 kehrte Reich-Ranicki auf eigenen Wunsch hin nach Warschau zurück.

1950 wurde Reich-Ranicki Lektor für deutsche Literatur in einem großen Warschauer Verlagshaus. Im Winter 1951 entschied er sich für eine Tätigkeit als freier Schriftsteller. In den Jahren 1953 und 1954 verboten ihm die polnischen Behörden jegliche Publikation.

1958 wanderte er in die Bundesrepublik Deutschland aus, wo er zwischen 1960 und 1973 als Literaturkritiker für „Die Zeit“ tätig war. Von 1973 bis 1988 leitete er die Literaturredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. In diese Zeit fällt sein Mitwirken am Aufbau von Institutionen der deutschsprachigen Literatur wie der „Frankfurter Anthologie“ und dem Ingeborg-Bachmann-Preis.

Einen höheren Bekanntheitsgrad in der breiten Bevölkerung erlangte Marcel Reich-Ranicki mit der Leitung der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ vom März 1988 bis Dezember 2001.

Auch im Bereich der Lehre zeigte sich Marcel Reich-Ranicki engagiert. Er unterrichte in den Jahren 1968 und 1969 an verschiedenen amerikanischen Universitäten. 1971 bis 1975 war er ständiger Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur an den Universitäten Stockholm und Uppsala. Seit 1974 ist er Honorarprofessor an der Eberhard Karls Universität Tübingen. 1990 erhielt Marcel Reich-Ranicki die Heinrich-Heine-Gastprofessur an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, 1991 die Heinrich-Hertz-Gastprofessur an der Universität Karlsruhe.

Auf Gesuch der „Freunde der Universität Tel Aviv“ hin entstand im Jahr 2006 der Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhl für Deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv.